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SAC -Schweizer Alpen Club bfu - Beratungsstelle für Unfallverhütung
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Zwischenfälle beim Sichern

Datum der Veröffentlichung: 25.11.2013 - Klettern indoor

Wir erhalten wiederholt Hinweise, dass es beim Klettern in der Halle zu gefährlichen Zwischenfällen kommt. Hierzu folgende Beispiele:
• Ein Jugendlicher wird von einem Erwachsenen mittels Halbmastwurf abgelassen. Plötzlich öffnet sich der Schnapper des HMS-Karabiners (mit normalem «Twistlock» Verschluss), das Seil springt aus dem Karabiner und der Jugendliche stürzt auf den Boden und erleidet eine ernsthafte Rückenprellung.

• Eine Kletterin hängt die ersten 6 Expressschlingen im Vorstieg korrekt ein. Der sichernde Partner steht nahe an der Wand und hat kein Schlappseil ausgegeben. Im Moment als die Kletterin stürzt, ist der Sichernde gerade abgelenkt und schaut nicht auf seine Partnerin. Wie er den Seilzug spürt, meint er, seine Partnerin brauche zum Einhängen Seil und gibt Seil aus. Im nächsten Augenblick stürzt seine Partnerin neben ihm aus 10 Metern Höhe auf den Boden. Sie erleidet mehrere Knochenbrüche, die zum Glück nicht lebensgefährlich sind. Vermutlich hat der Sicherer beim irrtümlichen Seilausgeben beide Hände kurz geöffnet. Verwendetes Material: Tuber-ATC Guide von Black Diamond, ein Black Diamond Gridlock-Screwgate Karabiner und ein brandneues Kletterseil (ca. 9,5 mm Durchmesser).

• Ein Kletterer stürzt aus ca. 8m Höhe bis fast auf den Boden. Gesichert wurde mit Grigri 2. Vermutlich wurde hier das Bremshandprinzip mit dem Seil nicht eingehalten und die Selbstblockierung des Grigri durch umklammern des Geräts ausser Kraft gesetzt. Zum Glück blockierte das Gerät kurz vor dem Boden doch noch, sodass nur ein Fuss des Stürzenden etwas härter aufschlug.



Bei solchen Vorfällen sind immer wieder ähnliche Muster erkennbar:
a) Falsch eingehängte HMS-Sicherung (Bremsseil auf der Schnapperseite) und ungeeigneter HMS-Karabiner. Beim Sichern mit der HMS sollten keine Twistlock Karabiner mit einfachem Verschluss oder Bajonettverschluss verwendet werden! Ideal sind HMS Karabiner mit einer redundanten Schnapper-Sicherung (z.B. „William Ballock“ von Petzl) oder einem Quer-Steg (z.B. „Belay-Master“).

b) Zu wenig vertraut mit dem Sicherungsgerät und Missachten des Bremshandprinzips – Fehler die auch Routinierte Sichernde immer wieder machen. Hier hilft nur konsequentes Üben, bis die erforderlichen Manipulationen auch bei überraschenden Situationen wirklich jederzeit sitzen. Dazu gehört selbstverständlich auch, dass man die Bedienungsanleitung des Herstellers aufmerksam gelesen hat und befolgt.


c) Des Weiteren kann die Kombination von neuem bzw. ungewohntem Material, wie beim zweitgenannten Fall ein neues Seil, sehr heikel sein, da sich die gewohnten Eigenschaften verändern (stark verminderte Reibung im Gegensatz zu einem älteren Seil). In solchen Konstellationen ist die neue Zusammensetzung von Materialien unbedingt in sicherem Umfeld zu üben.
Beim zweitgenannten Fall wurde mit grosser Wahrscheinlichkeit die Bremsbacke während der Seilausgabe deblockiert ohne dabei das Bremsseil festzuhalten!
Das Grigri, besonders das Grigri 2, hat mit älteren und dickeren Seilen eine erstaunlich hohe Fehlertoleranz. Diese Eigenschaft führte schon seit Anbeginn dazu, dass das «Grigrihandling» leider weit herum falsch verbreitet wurde. Petzl schreibt ganz klar vor, dass das Bremshandprinzip eingehalten werden muss - entweder mit der Tuber-Sicherungsmethode oder der Gaswerkmethode! (siehe Link unten). Die verbreitete Auffassung, man könne – oder müsse gar – beim Grigri beide Hände weg halten, stimmt schlichtweg nicht!

d) Unaufmerksamkeit. Auch wenn es bei Hochbetrieb in einer Halle nicht immer einfach ist, sich auf den Partner oder die Partnerin zu konzentrieren, ist dies auch mit modernen Sicherungsgeräten von zentraler Bedeutung.
Weiterführende Literatur: Lehrbuch «Bergsport Sommer» (Seite 73 und Seiten 161 – 167), vierte Auflage 2013 / SAC-Verlag.



Mehr Informationen unter: Artikel in Die Alpen 03/2004